Warum Deutschland bei der Digitalisierung lahmt -

vor 2 Tagen

Führungskräfte und Sabbatical – passt das?

zurück zur Übersicht

Sandra Hartwig

Wer ein Unternehmen führt muss ständig präsent sein, vor allem im digitalen Zeitalter. Da schließt sich der Wunsch nach einer Auszeit häufig aus. So war lange Zeit die gängige Meinung von Wirtschaftsbossen und ihrem Umfeld. Dass es auch anders geht, belegen Thomas Vollmoeller, CEO von Xing, und Dwight Cribb in einem Erfahrungsbericht im Hamburger Abendblatt.

Weltreise: Vom Chef zum Aussteiger auf Zeit

Xing-Chef Thomas Vollmoeller und Unternehmer Dwight Cribb erzählen vom großen Glück, die Firma für eine Weltreise zu verlassen.

Die Wende in seinem Leben erlebte Dwight Cribb mitten im Steilhang. Schweiß im Gesicht, Schmerzen in den Füßen, und doch wollte er weitergehen. Ohne Pause. Er musste vor den anderen das Gipfelkreuz erreichen, dieses Ziel interessierte ihn mehr als der weite Blick über die Berge, mehr als der Duft der Almwiesen. „Wir wollten immer schneller sein als die anderen Wanderer“, sagt der Unternehmer, als er von den ersten Tagen seines Sabbaticals erzählt.

Volle Leistung, bis zur Erschöpfung. Das war Cribbs Anspruch im Job, ein Ehrgeiz, mit dem er sich sein Büro in bester Hamburger Lage erarbeitet hat, mit Designerstühlen und Blick über das Bankenviertel. Der Erfolgszwang blieb, als er von Hütte zu Hütte durch die italienischen Alpen marschierte. Der 47-Jährige muss lachen, als er sich an den durchtrainierten Mann erinnert, den er auf dem steinigen Hang einzuholen versuchte: „Er war Physiotherapeut im Olympiastützpunkt Hamburg, das haben wir später erfahren“, ein harter Brocken also.

In der Ruhe der Natur neue Kraft schöpfen

Die Gipfeltour war für Cribb der Beginn seiner Auszeit. Sechs Monate lang bereiste der Unternehmer gemeinsam mit seiner Frau, damals Finanzchefin eines Schweizer Unternehmens, die Berge der Welt. Das Ziel der erschöpften Erfolgsmenschen: Sie wollten in der Ruhe der Natur neue Kraft finden. Das Bergwandern in den Alpen hat das Paar zum Nachdenken gebracht. „Warum müssen wir anderen und uns ständig etwas beweisen, geht es immer nur um Geschwindigkeit?“ Cribb wurde im Laufe des Sabbaticals klar: „Die eigenen Grenzen zu erkennen und Zeit als Luxus zu genießen, das ist wichtig im Leben.“

So wie Dwight Cribb entscheiden sich heute immer mehr Menschen für ein Sabbatical. In einer Gesellschaft, in der Städter gehetzt ins Relax-Express-Studio rennen und beim Power-Yoga schwitzen, wird der Wunsch nach Entschleunigung immer wichtiger.

Einer aktuellen Studie zufolge hat jeder Zehnte bereits eine längere Auszeit genommen, jeder Fünfte würde es gerne tun. Von Reisen zu Traumzielen über die Arbeit in sozialen Projekten bis hin zu Meditationskursen reicht die Wunschliste der Aussteiger auf Zeit. Gerade die jüngere Generation, die eine bessere Balance zwischen Leben und Arbeiten anstrebt, verlässt gerne einmal die Tretmühle des Alltags.

Neu ist der Trend, dass sich nicht nur Beamte oder Banker das Privileg aufs Pausieren leisten, sondern auch Führungskräfte wie Dwight Cribb, Inhaber einer erfolgreichen Personalberatung in Hamburg. Selbst die Spitzenkräfte der Wirtschaft lernen, die Verantwortung abzugeben, sich nicht unersetzlich zu fühlen. Auch Thomas Vollmoeller, Chef des Businessnetzwerks Xing, hat sich auf Zeit aus dem Topmanagement verabschiedet. Der Familienvater ging für drei Monate ins Sabbatical. Seine Kinder hatten das elterliche Nest gerade verlassen, da schien die Zeit reif, privat wie beruflich. „Es ist wie bei einem Fußballspiel“, argumentiert Vollmoeller, „ich wollte die Halbzeitpause, um meine Taktik zu hinterfragen.“ Vier Jahre hatte der 57-Jährige damals bereits als Vorstandschef bei Xing hinter sich.

Muße für wichtige Dinge haben

Er arbeitet erfolgreich, der Börsenkurs steigt. Die Internetplattform verdient mit dem Vernetzen von Millionen Fachkräften und Firmen gutes Geld. Vor Kurzem ist die Hamburger Firma in neue Räume nahe der Staatsoper gezogen, die Mitarbeiter können sich über eine Dachterrasse mit Strandkörben freuen.

Doch allmählich wird dem Manager bewusst, dass er jeden Gedanken schon einmal gedacht hat und sich zunehmend in Detailfragen verstrickt. Für wichtige Entscheidungen, vielleicht eine millionenschwere Investition, fehlt ihm zunehmend die Ruhe. Aber auch privates Glück, mehr Zeit mit seiner Frau zu verbringen, ist ein Wunsch Vollmoellers. Er will Muße für die Dinge haben, die im Alltag zu kurz kommen. Auf einer Reise durch Länder wie Myanmar, Neuseeland und Südafrika erfüllt er sich diesen Traum. Das Fazit, das der Manager heute zieht, ist durchweg positiv: „Es war großartig, ich würde jederzeit wieder los“, sagt der St.-Pauli-Fan.

Wirtschaftsexperte Uwe P. Kanning weiß, warum die Attraktivität des zeitweisen Abschaltens auch in den Chefetagen zunimmt. „Von höheren Führungskräften wurde früher implizit erwartet, dass sie immer für das Unternehmen zur Verfügung stehen“, sagt der Professor der Hochschule Osnabrück. Doch die Philosophie der Firmen ändert sich. „Heute besetzen manche Unternehmen Spitzenpositionen als Halbstagsstelle, dadurch wird dieser Druck geringer. Man befürchtet inzwischen weniger negative Konsequenzen für die Karriere.“

Xing-Chef Vollmoeller sieht ebenfalls eine Abkehr vom „alten calvinistischen Ideal, möglichst viel zu arbeiten, um Karriere zu machen“. Heute messe die Wirtschaft die Menschen am Output und nicht mehr am Input, am Ergebnis und nicht mehr am Fleiß. Zugleich müsse es aber auch die Chance geben, Kraft für die erbrachte Leistung zu tanken.

Immer für Geschäftspartner ansprechbar

Vollmoeller und Cribb haben sich während ihrer Abwesenheit auf die übrigen Führungskräfte ihrer Unternehmen verlassen. „Das hat auch das Selbstbewusstsein des Teams weiter gestärkt“, sagt Vollmoeller, der das Sabbatical als Teil seiner Vertragsverlängerung mit dem Aufsichtsrat vereinbart hatte. Bei Cribb war es seine Geschäftspartnerin in der Firmenleitung, die ihm die Last für seine Abwesenheit derart abgenommen hat, dass er in den sechs Monaten den Kontakt zum Betrieb praktisch abbrechen konnte. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ Der gebürtige Engländer, blaues Sakko, blondes Haar, sitzt in seinem Büro in der Hamburger Altstadt.

Die Mitarbeiter, die hinter Glaswänden an Computern arbeiten, sind auf der Jagd nach den begehrtesten Fachkräften des Internets. Cribb verdient sein Geld damit, anderen Unternehmen rare Techniktalente zu liefern. Als Dienstleister lebt er davon, immer für Geschäftspartner ansprechbar zu sein. Cribb liebt seinen Job, die Chancen, welche die Digitalisierung den Firmen bietet. Doch er liefert sich auch den Spielregeln aus, die in diesem Turbo-Business herrschen. Schon vor seinem Sabbatical bekam der Headhunter die Rechnung für seinen Lebensstil.

Er wurde zum Opfer eines Business, „in dem die Reaktionsgeschwindigkeit zelebriert wird“. Wenn er am Donnerstag um 23.10 Uhr eine E-Mail vom Kunden bekam, schickte er um 23.17 Uhr die Antwort. Falls der Geschäftspartner sich genötigt fühlte, um 23.30 Uhr noch einmal zu schreiben, wollte Cribb nicht aufgeben, „das ging immer weiter so“.

Cribb hatte zu dieser Zeit immer häufiger das Gefühl, erschöpft zu sein. Ein Urlaub reichte dem Unternehmer nicht mehr, das spürte er psychisch und physisch. Immer online, die ständige Erreichbarkeit, die Akkus füllten sich irgendwann nicht mehr auf.

Blick für persönliche Grenzen geschärft

Das Sabbatical wollte Cribb nutzen, um seinen Weg als Unternehmer weitergehen zu können. Er bereut den Schritt keine Sekunde. Die Reisen in die Alpen und in die Rocky Mountains haben den Blick für seine persönlichen Grenzen, aber auch auf seine Firma geschärft. Die neue Sicht führte sogar dazu, dass er seinen Betrieb neu positionierte und die Gewinne steigerte.

Auch wenn das Pausieren von Spitzenkräften noch ein neues Phänomen ist, viele Konzerne haben Auszeit-Angebote für ihre Belegschaft bereits verinnerlicht: Bosch, BMW und die Allianz gehören hier zu den Vorreitern. „Diese Firmen sind für ihre Professionalität im Umgang mit Mitarbeitern bekannt“, sagt Jutta Rump, Professorin für Personalmanagement in Ludwigshafen. Die Betriebe wüssten, dass es die Loyalität der Mitarbeiter enorm steigere, wenn jeder sich als Mensch mit individuellen Wünschen ernst genommen fühle.

In Hamburg bieten Konzerne wie Lufthansa Technik, Unilever und die Techniker Krankenkasse flexible Arbeitszeitkonten, die oft für Sabbaticals genutzt werden. Cribb und Voll­moeller gehören zu den wenigen Mittelständlern, die in dem Thema keine Bedrohung sehen. „Für kleinere Firmen sind Sabbaticals weitaus schwerer zu realisieren als für Großunternehmen, die Stelle muss ja auch kompetent vertreten werden“, sagt Professor Kanning.

Bei Xing nach drei Jahren Anspruch darauf

Cribb schreckt der Organisationsaufwand nicht ab, auch wenn zu seinem Team nur 15 Beschäftigte gehören. Patrycja Tonne ist eine von ihnen. Die 36-Jährige hatte elf Jahre als Senior Beraterin bei Cribb hinter sich, als sie sich für ein Sabbatical entschied. „Ich habe meine Flitterwochen in Südafrika verlängert, auch auf Betreiben meines Mannes, der gesehen hat, dass ich die Erholung brauchte“, sagt die Hamburgerin.

Ihr Chef habe nicht gezögert, als sie ihn nach der zweimonatigen Freizeit gefragt hat. „Für uns war klar, sie ist ein wichtiger Teil des Teams, wir machen das möglich“, sagt Cribb. Auch die Betriebswirtin hat den unbezahlten Langzeiturlaub keine Sekunde bereut. Nach einigen Wochen auf Bali sei alle Anspannung von ihr abgefallen. Eine tiefe innere Zufriedenheit habe sie gespürt, vor allem nach dem „Silent Retreat“, einem Aufenthalt mit dreitägigem Schweige­gelübde. An das Leben in völliger Ruhe, umgeben von Reisterrassen und Dorfidylle auf der indonesischen Insel denkt sie gerne zurück. „Ich habe eine tolle Zeit mit mir alleine gehabt“, schwärmt Patrycja Tonne von den Ferien vom Job.

Sechs Monate vorher anmelden

Bei Xing müssen die Bewerber für die unbezahlten Ferien bereits drei Jahre im Unternehmen gearbeitet haben. Nach dieser Frist bekommen sie einen Anspruch auf ein Sabbatical, das sie sechs Monate vorher beim Abteilungsleiter anmelden müssen. „Jeder muss ersetzbar sein, dafür hat die Führungskraft die Verantwortung zu tragen“, sagt Vollmoeller. Bisher hätte etwa ein Dutzend der rund 900 Mitarbeiter bei Xing von ihrem Recht Gebrauch gemacht. „Das ist erstaunlich wenig. Ich würde mir wünschen, dass es schnell mehr werden“, sagt Vollmoeller und schaut auf das Foto neben seinem Bildschirm, das ihn am Strand in Südafrika zeigt.

Der Artikel erschien am 26.07.2017 im Hamburger Abendblatt.