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Feature Artikel
Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?
(faz.net vom 8.1.2010)
An diesem Freitag veröffentlicht der amerikanische Literaturagent John Brockman die Frage des Jahres 2010: Wie verändern Internet und vernetzte Computer die Art, wie wir denken? Im Kern der Diskussion
steckt die Frage des Wissenschaftshistorikers George Dyson: "Sind der Preis für Maschinen, die denken, Menschen, die es nicht mehr tun?"
Brockman, der einige der wichtigsten Wissenschaftler der Gegenwart zu seinen Autoren zählt, umkreist diese Vision auf Edge.org mit hunderteinundzwanzig Antworten. Wir drucken die interessantesten in
diesem Feuilleton. Anders als in Deutschland, wo die Debatte über das Informationszeitalter noch immer ein von Interessen geprägtes Palaver über Medien ist, zielt die Edge-Debatte in die Tiefe.
Wer plant was, wo, mit welchen Mitteln?
Gerade wenn man die digitale Revolution ernst nimmt, muss man die Frage stellen, wie sehr die industrialisierte Kommunikation des einundzwanzigsten Jahrhunderts unser Denken verändern wird. Der
Computerpionier Daniel Hillis beschreibt, wie selbst ein so simpler Vorgang wie die Programmierung der Uhrzeit über vernetzte Computer heute von vielen Programmierern kaum noch verstanden wird. Und er
folgert, mit Blick auf Klimawandel und Finanzkrise: "Unsere Maschinen sind Verkörperungen unserer Vernunft, und wir haben ihnen eine Vielzahl unserer Entscheidungen übertragen. In diesem Prozess haben
wir eine Welt geschaffen, die jenseits unseres Verstehens liegt. Fachleute diskutieren nicht mehr über Daten, sondern darüber, was die Computer aufgrund der Daten vorhersagen."
Neurobiologische Auswirkungen permanenten Multitaskings führen, wie Nicholas Carr schreibt, zu Auslagerungen, zu immer größerer Abhängigkeit von den Rechnern. Was, wenn die Entscheidungsträger nicht
mehr nur Entscheidungen über Kredite und Budgets von Rechnern abhängig machen, sondern auch solche über Lebensläufe? Das Profiling wird, nach den jüngsten Vorkommnissen in Amerika, zu einem noch
wichtigeren Mittel webgestützter "Pre-crime"-Analytik: Wer plant was, wo, mit welchen Mitteln? Doch was mit Terroristen funktioniert, funktioniert auch, wie ein Blick auf Cataphora.com zeigt, in
Unternehmen und an Arbeitsplätzen.
Längst von der Wirklichkeit überholt
Einige der von Brockman befragten Autoren finden nicht, dass das Netz ihr Denken verändert. Andere sehen das anders. Keiner, auch keiner der Skeptiker, sehnt sich in eine Zeit vor dem Internet zurück.
Aber viele machen deutlich, dass das, was wir als User erleben, in der Tat nur ein "Surfen" ist, eine Bewegung auf der Oberfläche. Die deutsche Internet-Debatte ist auf dem Stand der neunziger Jahre.
Eine digitale Avantgarde von eigenen Gnaden, die entscheiden möchte, wer dazugehört, tut so, als wäre Kommunikation im Netz nicht kinderleicht und als genügte es in einer Zeit, da selbst "Die Grauen"
im Netz unterwegs sind, einen Blog zu besitzen, um sich als Kenner auszuweisen. Das ist verständlich, weil es Politik- und Verlagsberatung verkauft, aber als angeblich progressive Haltung ist es
längst von der Wirklichkeit überholt. Brockmans Jahresfrage setzt den Akkord für Fragen, die über das Dafür oder Dagegen weit hinausgehen. [mehr...]
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Aktuelles
Haiti: Krisenhilfe per Internet
(wdr.de vom 18.1.2010)
Knapp eine Woche nach dem Beben ist die Katastrophe immer noch wichtigstes Thema im Web 2.0. Bei Facebook und Twitter werden Spenden gesammelt und Angehörige gesucht. Die Helfer nutzen
Satelliten-Bilder aus dem Netz, um Verschüttete zu suchen.
"Does somebody here know if my uncle (Fritz Senechal) living in port-au-prince is still alive?", schreibt der in Deutschland lebende Musiker Eden Noel am Montag (18.01.10) bei Facebook. Er ist einer
von mehr als 250.000 Mitgliedern der Gruppe "Earthquake Haiti". Die Gruppe wurde nur eine Stunde nach dem Beben gegründet und ist Sammelbecken für Links zu aktuellen Artikeln, für Hinweise auf
Spendenaktionen und eben auch für Suchanfragen nach Angehörigen.
Auch das internationale Rote Kreuz hat im Internet eine Plattform gestartet, auf der vermisste Personen eingetragen werden können. Bei Twitter ist das Stichwort "#haiti" seit dem Erdbeben
ununterbrochen unter den meistbenutzten Begriffen. Am Montagmittag werden in nur einer Minute 800 neue Nachrichten zu dem Thema getwittert.
Helfer nutzen Internetkarten
Aber auch die Helfer vor Ort profitieren vom Internet. Schon einen Tag nach dem Beben am 12. Januar aktualisierte Google Earth auf Wunsch der Hilfsorganisationen die Satellitenbilder des
Katastrophengebietes. Nach und nach werden die Karten immer weiter aktualisiert, so dass die Krisenstäbe sich einen Überblick aus der Luft verschaffen können. Die Bilder sind sehr detailliert, so dass
beispielsweise die Zerstörungen am Präsidentenpalast in Port-au-Prince gut zu erkennen sind.
Auch das Kölner DLR veröffentlicht Karten des Gebietes im Internet. "Satelliten erfassen die Oberfläche von Landschaften wie ein Scanner", erklärt eine DLR-Sprecherin. "Unsere Wissenschaftler haben
diese Daten entschlüsselt und daraus aktuelle Karten für die Krisenregion erstellt." Darauf könnten Hilfsorganisationen etwa erkennen, welche Straßen noch befahrbar sind oder auf welchen Flächen sie
Soforthilfe-Einrichtungen aufbauen können. Das Technische Hilfswerk und das Deutsche Rote Kreuz würden bereits mit den Karten arbeiten. [mehr...]
Kundenfänger im Web
(tagesspiegel.de vom 17.1.2010)
Für Firmen ist es gerade in schlechten Zeiten wichtig, bei den Suchmaschinen oben gelistet zu werden. IT-Experten, die wissen wie es geht, erwarten gute Karrierechancen - und hohe Gehälter.
Die Firmen sind zögerlich geworden. In Folge der Wirtschaftskrise sind sogar die Stellen der sonst so gefragten IT-Experten rar. Doch eine Spezies ist dennoch heiß begehrt, Suchmaschinenoptimierer und
Online-Marketing-Experten. Wer die Kniffe kennt, mit denen sich Produkte und Dienstleistungen im Internet erfolgreich vermarkten lassen, hat beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weiß die Sprecherin des
Karriereportals Monster.de, Alexandra Güntzer. Denn gerade jetzt ist es das A und O für Unternehmen, dass ihre Produkte im Netz leicht gefunden werden und bei den relevanten Suchbegriffen ganz oben
auf der Ergebnisliste stehen. Firmen aller Branchen und klassische Werbeagenturen, die auch Dienstleistungen im Netz anbieten, und vor allem auf das Internet spezialisierte Agenturen suchen nach den
Spezialisten.
Wer in diesem Bereich arbeiten will, muss ein starkes Interesse an der Technologie und Entwicklung des Internets mitbringen - und bei Trends im Web 2.0 und Social Media ständig am Ball bleiben. "Das
wichtigste, was ein Bewerber mitbringen muss, ist Berufserfahrung", sagt der Geschäftsführer von Jaron, Burkhard Köpper. Auch die Online Mediaagentur, die in ihrem Hauptsitz in Frankfurt 40 und in
ihrer Berliner Niederlassung 20 Mitarbeiter beschäftigt, ist auf der Suche nach Suchmaschinen-Experten. Der Bildungsabschluss sei für die Einstellung kein so wichtiges Kriterium. Bewerber müssten
vielmehr verstehen, wie Suchmaschinen wie Google oder Bing funktionieren. Auch wenn der Job nach viel Surfen im Netz und Spaß klingt: Er fordert vor allem mathematisches Know-how und analytisches
Denken. [mehr...]
Unsere Tippsen-Identität
(zeit.de vom 6.1.2010)
Nie wieder wegen vergessener Passwörter am Login scheitern: Eine Software erkennt uns am Rhythmus unserer Texteingabe. E-Mail-Abruf, Zugang zu Bank- und Kundenkonten, zum Firmennetzwerk und immer öfter zur virtuellen Festplatte im Internet - unsere Welt ist voller Passwörter. Bestenfalls voller verschiedener! Denn wer
immer das gleiche benutzt, handelt grob fahrlässig. Wer hingegen verschiedene verwendet (und diese auch noch häufig wechselt), steht schnell vor verschlossenen Accounts. Zettel oder USB-Sticks, auf
denen Passwörter, PINs und TANs notiert sind, gehen verloren, um den Fingerabdruck oder gar die Iris auszulesen, ist Hardware erforderlich, die gerade dann nicht zur Hand ist, wenn man sie am
nötigsten braucht: weit weg von zu Hause auf Dienstreise oder im Urlaub.
Doch es gibt einen Schlüssel für die virtuelle Welt, den man nicht vergessen kann. Er ist unverwechselbar, man hat ihn immer dabei, er kann weder ausgespäht noch gestohlen werden: der persönliche
Rhythmus, mit dem jeder Mensch die Computertastatur bedient. Das eigene Tippverhalten als Passwortersatz?
Das habe ihm zunächst niemand geglaubt, sagt Edmund Weber vom Rechenzentrum der Universität Regensburg. Inzwischen ist das System der Regensburger Firma Psylock seit mehr als drei Jahren im Einsatz.
"Und es gab noch nie ein Problem", sagt Weber. Die Uni nutzt es, um vergessene Passwörter schnell zu ersetzen. Früher waren dafür lange Telefonate oder ein persönlicher Besuch im Rechenzentrum nötig,
jetzt reicht das Eintippen eines einzigen Satzes im Internet.
Auf der Psylock-Website kann das jeder ausprobieren. Neunmal muss man einen Satz mit sieben Wörtern abschreiben, damit das System ausreichend Informationen sammeln kann. Millisekundengenau erkennt die
Software, wann eine Taste gedrückt und wieder gelöst wird, in welchem Tempo die Buchstaben getroffen werden, ob man die linke oder rechte Großstelltaste nutzt. Tippfehler sind dabei kein Problem, auch
sie gehören zur individuellen Signatur.
Der Satz, den man abschreibt, ist hingegen kollektives Gut. Jeder darf ihn sehen, es geht nicht darum, was man tippt. Wie man tippt, das kann ohnehin niemand nachmachen. Auch das heimliche
Mitschneiden mit einem Keylogger-Programm (wie bösartige Trojaner es beinhalten) nützt nichts. Denn hundertprozentig übereinstimmende Eingaben erkennt das System und verweigert den Zugang. Deshalb
kann es selbst in suspekten Internetcafés sicher genutzt werden. [mehr...]
Stau im Internet
(faz.net vom 12.1.2010)
Ein Stau im Datenverkehr dauert oft nur wenige Sekunden. Wer nur E-Mails verschickt, merkt das kaum; wer aber im Internet Live-Videos ansieht, sieht ein ruckelndes Bild, und bei der Internettelefonie
hakt der Ton. Der Grund: Die Datenmengen, die täglich ihren Weg durch das Internet suchen, haben in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Nutzer von Tauschseiten jagen riesige Datenkolonnen durch
die Drähte. Damit in Spitzenzeiten keine allzu langen Staus in den Leitungen entstehen, haben die Netzbetreiber die Infrastruktur schon kräftig ausgebaut. Langfristig aber stellt sich die Frage, ob es
nicht zu teuer ist, die Netze stets so weit auszubauen, dass selbst in Spitzenzeiten keine Staus entstehen. Naheliegend ist daher die Frage, wie die schon vorhandene Infrastruktur besser genutzt
werden kann.
Informatiker und Ökonomen haben sich dazu Gedanken gemacht. Eine Lösung rüttelt am Prinzip der "Netzneutralität", die viele als "ehernen Grundsatz des Netzes" empfinden, andere aber als "überholten
Stand der Technik". Danach werden alle Datenpakete beim Transport im Internet gleich behandelt. Künftig - so die Grundidee - könnten manche Pakete schneller als andere transportiert werden.
"Priorisierung" nennen das die Ökonomen und versprechen sich davon eine effizientere Nutzung der knappen und teuren Ressourcen.
Doch der Widerstand gegen diesen Vorschlag ist gewaltig: Vor allem in Amerika wird gefordert, dass Netzneutralität, also die absolute Gleichbehandlung der Datenpakete, auch im Gesetz verankert wird.
Konzerne wie Google und Amazon trommeln seit Jahren eifrig für eine solche Regulierung. Sie wittern "Diskriminierung" und "Zwei-Klassen-Internet". Nur die "Offenheit" des Netzes würde Fortschritte im
Internet garantieren. Sie wollen verhindern, dass die Telekommunikationskonzerne die Angebote der Internet-Unternehmen wie die Web-Telefonie ausbremsen können. Auch außerhalb der Web-Giganten rumort
es gegen die Idee: Viele fürchten, dass bestimmte Anwendungen oder Inhalte diskriminiert würden - bisweilen ist gar von Zensur die Rede. [mehr...]
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