|
Feature Artikel
Die Finanzkrise, die Angst vor der Blase 2.0, und warum Panik völlig fehl am Platz ist
(media-treff.de vom 7.10.2008)
Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der Blase 2.0. Im Gleichschritt mit den Meldungen zur Finanzkrise in den USA häufen sich die Nachrichten, die ein düsteres Bild von der Konjunktur in
der Medien- und Onlinebranche zeichnen: Die FAZ verhängt einen Einstellungsstopp, der Bundesverband Digitale Wirtschaft korrigiert seine Wachstumsprognosen nach unten, und so mancher
Risikokapitalgeber dreht den Geldhahn zu. Aber bevor Sie überlegen, was Sie zur nächsten Pink-Slip-Party anziehen könnten, sollten Sie kurz inne halten, einen festen Blick auf Ihr Xing-Profil werfen
und sich laut und deutlich sagen: "So schlimm wird’s schon nicht kommen!" Schließlich gibt es gute Gründe dafür, dass es nicht so schlimm kommen wird.
Die Branchen-Auguren geben sich zur Zeit allerdings recht bearish, aber das liegt auch im allgemeinen Trend - Beispiel Dirk Manthey, Gründer der Verlagsgruppe Milchstraße, jetzt Herausgeber von
meedia. Seine Thesen fasst er in einem Beitrag zusammen mit der Überschrift "Was das Bankenbeben für das deutschen Mediengeschäft bedeutet." Zitat: "Was aber in keiner Zeitung steht: die Medien sind
vom Crash massiv selbst betroffen. Und die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf die USA, sie gehen rund um den Globus. Für das deutsche Mediengeschäft heißt das: die ohnehin trüben Aussichten
sind in den letzten Tagen noch ein Stück schlechter geworden. Seine Prognose: weniger Werbung gleich größere Löcher in den Auftragsbüchern gleich Rabattschlachten ungeahnten Ausmaßes. Und außerdem:
weniger Umsatz gleich engerer Gürtel gleich "Pleiten- und Entlassungswelle".
Sicherlich wird die Konjunktureintrübung nicht spurlos an manchen Medienunternehmen vorübergehen, aber warum sollte es der Medienbranche besser gehen als anderen. Der einzige Unterschied ist, dass
sich Medienschaffende ohne Gatekeeper in Echtzeit in ihrer Larmoyanz suhlen können. Hingegen müssen Unternehmer der Metall- und Elektroindustrie einen Redakteur erst noch überzeugen, dass es aus den
dunklen Wolken auch regnet. Diejenigen Medien-Unternehmen, die sich neuen Ideen verweigern oder Innovationen auf die lange Bank geschoben haben, werden es allerdings in einer Krise besonders schwer
haben, vergleichbar einem Marathonläufer der mit dickem Muskelkater an den Start geht. [mehr...]
|
Aktuelles
Zu besoffen zum Mailen? Kein Problem!
(stern.de vom 8.10.2008)
Google bietet in seinem E-Mail-Service Gmail eine neue Funktion, die Nutzer vor sich selbst schützen soll. Mail Goggles verhindert, dass man Post verschickt, die besser nicht den Rechner verlassen
hätte - zum Beispiel weil man müde oder betrunken war. Wie das funktioniert? Mit Mathe.
Der Internetanbieter Google bewahrt seine Nutzer künftig vor dem Versenden peinlicher E-Mails: Eine neue Einstellung in Gmail namens Mail Goggles, was grob übersetzt "Mail-Brille" bedeutet, wird
abends und an Wochenenden aktiv, wenn bei vielen Nutzern die Stunde für unkontrolliertes Mailverschicken geschlagen hat - meist im Zusammenspiel mit Alkohol. Ist die Funktion aktiv, muss der Nutzer
innerhalb einer Minute fünf einfache Mathematik-Aufgaben lösen, bevor seine E-Mail gesendet wird. Wer das nicht schafft, ist nach Perlows Ansicht nicht in der richtigen "Geistesverfassung" für den
Mailversand.
Die neue Funktion hätte auch dem Entwickler selbst schon ein böses Erwachen ersparen können. "Manchmal verschicke ich Nachrichten, die ich nicht verschicken sollte - wie damals, als ich einem Mädchen
per Textmitteilung meine Liebe gestanden habe", schrieb Software-Entwickler Jon Perlow im Google-Blog. Ein anderes Mal habe er seine Ex-Freundin in einer nächtlichen E-Mail um einen Neuanfang gebeten
und dies später bereut.
Gmail-Nutzer können selbst einstellen, zu welchen Tageszeiten die Selbstschutzfunktion aktiv sein soll. Goggles werde sie dann vor dem Schlimmsten bewahren, erklärte Perlow: "Es wird herausfinden, ob
du diese Mail am späten Freitagabend wirklich verschicken willst." Dafür gebe es keinen besseren Weg als zu klären, ob Nutzer noch in der Lage seien, einfache Mathe-Aufgaben zu lösen.
"Natürlicher Zufluchtsort" - Online-Gebete zur Finanzkrise
(silicon.de vom 10.10.2008)
Tausende Briten suchen während der Finanzkrise kirchlichen Trost im Internet. Die Gläubigen suchen außerdem nach Rat: Der Zuspruch zu einem Ratgeberteil der Seite, der sich mit Verschuldung befasst,
sei in den vergangenen Wochen um 71 Prozent gestiegen, so die Kirche weiter.
Das Gebet für die gegenwärtige Finanzlage auf der Webseite der Anglikanischen Kirche sei fast 8000 Mal angeklickt worden, sagte Kirchensprecher John Preston. "Ich bin entzückt, dass der Inhalt die
Menschen anspricht, dass die Kirche den Menschen etwas zu bieten hat."
Das Gebet zur Finanzkrise stellt fest, dass "wir in verstörenden Zeiten leben" und bittet Gott "ein starker Turm im Treibsand zu sein". "Wir wissen, dass viele Leute beten", sagte Preston, "aber
online ist das viel zugänglicher."
Die Zahl der Internet-Nutzer im Gebete-Bereich nahm seit der Veröffentlichung des Textes zur Finanzkrise um ein Drittel zu. Die Religion sei ein "natürlicher Zufluchtsort" für Geldfragen, so John
Preston, der ein Kapitel über Schulden für die Kirchen-Website geschrieben hat. Allein in der Bibel gebe es mehr als 2000 Verweise zum Thema.
Hektik im Dorf, "in dem nie etwas passiert"
(computerwoche.de vom 15.10.2008)
In Miravete de la Sierra geht es gemächlich zu. "Hier vergeht die Zeit noch nicht einmal, wenn man die Uhr vorstellt", scherzt Cristóbal Sangüesa.
"Es gibt keine Autos, keine Ampeln, eigentlich gibt es hier gar nichts." Der 86-Jährige ist einer der gerade mal zwölf Einwohner dieses winzigen Bergdorfes nahe Teruel im Osten Spaniens. Am meisten
sei dort um elf Uhr morgens los, fährt er fort. "Dann gehen wir alle Brot kaufen." Abwechslung kann noch das öffentliche Telefon im Ort bringen: Es geht dran, wer gerade in der Nähe ist.
Abseits jeglicher Touristenpfade gelegen, war Miravete bislang ein weißer Fleck auf der Landkarte. "Schau und hau ab", ließe sich der Name übersetzen. Wie viele Ortschaften in der spanischen Provinz
hat das Dorf stark unter der Entvölkerung gelitten: Die Jungen zogen auf der Suche nach Arbeit in die Städte, die Alten blieben zurück. Selbst der Bürgermeister lebt im 150 Kilometer entfernten
Saragossa. Keiner der Einwohner Miravetes ist jünger als 70.
Doch nun ist der eigentlich idyllisch gelegene Ort mit seinen Natursteinhäusern praktisch über Nacht berühmt geworden - und Cristóbal und seine Nachbarn mit ihm. Zu verdanken haben sie dies einer
originellen Werbekampagne, die unter dem Titel "Das Dorf, in dem nie etwas passiert" im Internet und einigen Pay-TV-Sendern läuft. Sie wurde von dem argentinischen Publizisten Pablo Alzugaray
konzipiert. Er hatte den Auftrag erhalten, die Reichweite dieser Sender für etwaige Werbekunden zu testen. "Daraus wurde dann ein Kommunikationsexperiment", sagt der 39-Jährige. Es galt
herauszufinden, ob es möglich ist, einen völlig unbekannten Ort mit relativ geringem Aufwand bekanntzumachen.
Das Experiment, an dem sich die Einwohner begeistert beteiligten, ist gelungen. Die Internetseite Miravetes, www.elpuebloenelquenuncapasanada.com, hat in einem Monat mehr als 300.000 Besuche erhalten,
fast ebenso viele Einträge finden sich nun, wenn man den Ort in der Suchmaschine Google eingibt. Das Dorf war in Spanien plötzlich in aller Munde, wurde zur Schlagzeile im Fernsehen und in der Presse.
Aber es kamen nicht nur Heerscharen von Journalisten und Kamera-Teams, sondern auch Touristen. "Unsere Herberge ist inzwischen wieder geöffnet", freut sich Bürgermeister José Listo.
Cristóbal Sangüesa, der im Internet durch das Dorf führt, und die anderen elf Einwohner sind ihre Langeweile los. Derweil zumindest. Selbst Autogramme geben sie nun. Und sie hoffen, dass die Kampagne
dazu beiträgt, Geld für die dringend nötige Restaurierung der schmucken Dorfkirche zusammenzubekommen. Auf der Internetseite können für zehn Euro das Stück Dachziegel für das Gotteshaus aus dem 16.
Jahrhundert gekauft werden. Erhältlich sind auch Puppen von Providencia, Juan, Timoteo, Ascención, Félix, Carmen, Angel, Palmira, Bernardo, Josefa, Faustina und Cristóbal - für je 180 Euro. "Sollten
nun aber busweise japanische Touristen kommen, das wäre uns doch ein bisschen zu viel", sagen die Einwohner.
|
|
|